Auf der Herrentoilette am hinteren Korridor

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Die Herrentoilette hinter der VIP-Lounge ist in jener altmodischen Weise ordentlich, die nur in Gebäuden vorkommt, die sich für traditionsreich halten: dunkles Holz, zu helle Spiegel, Messinghaken, kalte Fliesen, Pissoirs aus weißem Porzellan, deren Form seit Jahrzehnten niemand mehr geändert hat. Es riecht nach Desinfektionsmittel, altem Stein, kaltem Zigarettenrauch und jener übervorsichtigen Seife, die Hotels und Hallen kaufen, wenn sie Duft für den Ersatz von Sauberkeit halten. Draußen summt die Halle nur noch dumpf weiter. Hier drinnen ist es stiller. Nicht ruhig. Nur enger. SHANE kommt zuerst herein. Er bleibt einen Moment an der Tür stehen, als hätte ihn der eigene Körper nur halb hierhergebracht. Dann geht er an eines der Pissoirs, stützt die Hand kurz gegen die Fliese darüber und atmet einmal tief aus. Die Tür geht wieder auf. Er dreht den Kopf nicht. Er weiß auch so, wer es ist. Ilya tritt ein, sieht Shane, hält nur den Bruchteil einer Sekunde inne und entscheidet sich dann, nicht wieder umzudrehen. Er geht an das Pissoir mit einem Platz Abstand. Ein paar Sekunden lang sagt keiner etwas. Nur das Summen der Neonröhre. Ein tropfender Hahn. Der ferne, gedämpfte Rest des Abends. Dann Shane, ohne hinzusehen:


SHANE
Falls du’s warst, wäre jetzt der Moment, mir das zu sagen.


Ilya antwortet nicht sofort. Als er spricht, ist seine Stimme ruhig, aber zu kontrolliert für echte Gelassenheit.


ILYA
Das ist ein bemerkenswerter Einstieg.


SHANE
Ich hab einen schlechten Abend.


ILYA
Das ist mir aufgefallen.


Shane starrt geradeaus.


SHANE
Warst du’s?


ILYA
Nein.


Das kommt schnell. Sauber. Ohne sichtbares Zögern. Shane schließt kurz die Augen. Nicht Erleichterung. Nur ein Brett über kaltem Wasser.


ILYA
Du?


SHANE
Nein.


Jetzt ist es Ilya, der einen Hauch zu lang schweigt. Shane merkt es sofort.


SHANE
Das klingt nicht, als würdest du mir glauben.


ILYA
Es klingt, als würde ich entscheiden, ob du nur unvernünftig oder wirklich dumm bist.


Shane stößt leise Luft aus. Fast ein Lachen. Ganz ohne Humor.


SHANE
Großartig.


Wieder Schweigen. Dann Ilya, leiser:


ILYA
Ich habe gehört, wie sie über einen amerikanischen Jungen gesprochen haben. Bilder. Gerüchte. Einen Skandal, der reicht, auch wenn er nicht beweisbar ist. Doping vielleicht?


Shanes Kiefer spannt sich an.


SHANE
Ich hab gehört, wie sie über sowjetisches Zeug gesprochen haben. Alte Unterlagen. Lieferwege. Namen. Geld.


Jetzt ist die Stille anders. Beide verstehen im selben Moment, wie wenig der andere hatte — und wie gefährlich wenig das jeweils war.


ILYA
Du dachtest an mich.


SHANE
Ja.


ILYA
Warum?


Shane antwortet schärfer, als er wollte.


SHANE
Weil jeder in diesem verdammten Land zuerst auf Russland zeigt, wenn er kein besseres Bild hat.


Ilya nimmt das hin. Es ist nicht falsch genug, um sich darüber zu empören.


ILYA
Und ich dachte an dich.


Shane dreht den Kopf nun doch einen Hauch zu weit zu ihm.


SHANE
Warum?


ILYA
Weil sie dich als Hebel benutzen wollten. Oder bereits benutzt haben. Ich weiß, dass du nichts nimmst. zumindest nicht absichtlich.


Shane sieht wieder geradeaus.


SHANE
Natürlich nehme ich nichts. Und ich habe mit Franklin nichts zu tun.


ILYA
Das beantwortet nicht die Frage.


SHANE
Welche Frage?


Ilya lässt sich eine Sekunde Zeit.


ILYA
Ob du etwas getan hast, weil du dachtest, es schützt jemanden.


Da ist sie. Die zu präzise Formulierung. Shane sagt nichts. Ilya merkt es sofort.


ILYA
Also doch.


SHANE
Nein.


ILYA
Das klang nicht wie nein.


SHANE
Es klang wie: Ich denke nach, bevor ich was Falsches sage.


ILYA
Und das kommt bei dir oft vor?


Shane schnaubt kurz.


SHANE
Seltener, als es sollte.


Ein fast unsichtbarer Zug um Ilyas Mund. Nicht Lächeln. Nur die Erinnerung daran, dass diese Offenheit nicht neu ist. Shane senkt die Stimme noch weiter.


SHANE
Ich hab für einen Moment gedacht, wenn du’s warst, würde ich verstehen, warum.


Ilya bewegt sich nicht. Nicht einmal sichtbar. Dann, sehr ruhig:


ILYA
Das ist eine gefährliche Art von Loyalität.


SHANE
Sag du’s mir.


Ilya antwortet erst nach einem Atemzug.


ILYA
Ich habe für einen Moment gedacht, wenn du es warst, dann weil du geglaubt hast, jemandem einen größeren Schaden zu ersparen.


Shane dreht diesmal wirklich den Kopf. Nicht lange. Aber lang genug.


SHANE
Ich hab ihn nicht getötet.


ILYA
Ich auch nicht.


Wieder dieses schwache Brett über kaltem Wasser. Shane sieht auf die Fliesenfuge vor sich.


SHANE
Glaubst du mir?


Ilya antwortet ehrlich. Gerade deshalb ist es schlimm.


ILYA
Nicht vollständig.


Shane nickt einmal.


SHANE
Ja.


Ein paar Sekunden lang sagt keiner etwas. Dann Shane, leiser:


SHANE
Haben sie was gegen dich?


ILYA
Vielleicht meinen Namen. Mein Großvater könnte etwas damit zu tun haben. Er war sowjetischer Olympiatrainer der Hockeyspieler.


SHANE
Das hast du mir noch nie erzählt.


Ilya sagt nichts. Das Schweigen ist Antwort genug. Shane fährt sich mit der freien Hand über den Mund.


SHANE
Scheiße.


ILYA
Ja.


Shane zwingt sich, die nächste Frage gerade genug zu stellen, dass sie nicht wie eine Bitte klingt.


SHANE
Hast du mit Franklin außerhalb vom Eis gesprochen?


ILYA
Nein.


SHANE
Dem Arzt?


ILYA
Nein.


SHANE
Hast du irgendwas am Pokal gemerkt?


Jetzt reagiert Ilya sofort.


ILYA
Nein. Warum? Ich hab das blöde Ding von Franklin übernommen. Und dann ist er schon umgekippt. Du warst doch dabei.


Zu schnell. Shane merkt das. Ilya merkt, dass Shane es merkt.


SHANE
Nur so.


Ilya sieht jetzt ebenfalls nicht mehr ganz geradeaus.


ILYA
Das war keine „Nur so“-Frage.


SHANE
Und dein Nein war kein „Nur nein“.


Da ist wieder diese enge, falsche Nähe aus Misstrauen und Schutz. Ilya antwortet leiser.


ILYA
Ich habe nichts gemerkt. Das heißt nicht, dass nichts da war.


Shane schluckt.


SHANE
Gut.


ILYA
Nein. Nicht gut.


Wieder Schweigen. Dann Ilya, so leise, dass es fast nur noch Raumtemperatur ist:


ILYA
Wenn du jetzt etwas Dummes tust, um irgendwen zu schützen, wird es schlimmer.


Shane antwortet ebenso leise:


SHANE
Das Gleiche gilt für dich.


In genau diesem Moment geht die Tür auf. Beide zucken sichtbar zusammen. Feiglinge. DANIEL MERCER tritt ein. Er bleibt beim ersten Blick sofort stehen und nimmt die Szene in genau jener halben Sekunde auf, in der intelligente Menschen erkennen, dass die eigentliche Handlung bereits stattgefunden hat. Shane und Ilya. Ein Platz zwischen ihnen. Beide mit der vollkommen falschen Art von Neutralität im Körper. Mercers Brauen heben sich kaum merklich.


MERCER
Hollander. Rozanov.


ILYA
Mercer.


Shane sagt nichts. Mercer geht nicht an das freie Pissoir zwischen ihnen, sondern an eines weiter außen. Eine Entscheidung. Klug genug, um nichts zu sagen, deutlich genug, dass alle drei sie verstehen. Für einen Moment gibt es nur noch die sterile, beschämend normale Geräuschkulisse dieser Situation. Dann tritt Shane zurück, ordnet seine Kleidung mit routinierter, schneller Bewegung und geht zum Waschbecken, ohne Ilya noch einmal anzusehen. Ilya wartet genau einen Atemzug länger, dann tut er dasselbe. Mercer bleibt zwischen ihnen und gerade dadurch außerhalb der Sache. Am Waschbecken lässt Shane kaltes Wasser über die Hände laufen, zu lange. Ilya tritt an das Becken neben ihm. Keiner sieht in den Spiegel, obwohl dort genau das wäre, was sie beide gerade nicht brauchen: ihre Gesichter in unmittelbarer Nachbarschaft. Mercer tritt hinter sie, wartet nicht, drängt nicht, ist einfach da. Shane schaltet das Wasser ab, greift nach einem Handtuch und sagt, nur laut genug, dass es wie eine bedeutungslose Höflichkeit klingen kann:


SHANE
Wir sehen uns.


ILYA
Ja.


Nichts in dem Wort verrät, ob es Drohung, Versprechen oder Müdigkeit ist. Dann gehen sie. Shane zuerst, nach links in den Flur. Ilya nach rechts, zurück Richtung Mannschaftsbereich. Nicht gleichzeitig. Nicht hastig. Genau so, als hätten sie überhaupt nicht miteinander gesprochen. Mercer bleibt noch einen Moment allein am Waschbecken stehen, sieht in den Spiegel und denkt vermutlich etwas sehr Britisches. Draußen, in entgegengesetzte Richtungen auseinandergehend, tragen Shane und Ilya beide dasselbe Gefühl mit sich: nicht Gewissheit, nicht Entlastung, sondern die verzweifelte Erkenntnis, dass der andere vielleicht nichts getan hatte — oder vielleicht doch etwas, irgendwo zwischen großer Dummheit und Mord.

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